Ein Pinguin
im Lakandonischen Urwald


(Die Zapatisten sind nur ein kleines Haus, vielleicht das kleinste, in einer Straße namens "Mexiko", in einem Viertel namens "Lateinamerika", in einer Stadt genannt "die Welt")


Sie werden es mir nicht glauben, aber im EZLN-Hauptquartier gibt es einen Pinguin. Sie werden sagen "Hey, Sup, was soll das? Du bist ja schon mit dem Roten Alarm völlig in die Luft gegangen", aber es ist die Wahrheit. Tatsächlich, während ich Ihnen das hier schreibe, steht er (der Pinguin) gleich hier neben mir, isst das gleiche alte, abgestandene Brot (es ist so verschimmelt, dass es nur kurz davorsteht, zu Penizillin zu werden), das zusammen mit dem Kaffee meine heutige Ration darstellt. Ja, ein Pinguin. Aber darüber erzähle ich Ihnen später mehr, denn zuerst müssen wir uns ein wenig über die Sechste Erklärung unterhalten.

Wir haben aufmerksam einige Ihrer Zweifel, Kritiken, Ratschläge und Debatten darüber gelesen, was wir in der Sechsten vorgeschlagen haben. Nicht alle davon, das ist wahr, aber das kann man nicht auf Faulheit schieben, sondern auf den Regen und den Schlamm, der die Wege in den Bergen des mexikanischen Südostens noch mehr in die Länge zieht. Obwohl es viele Punkte gibt, werde ich in diesem Text nur einige davon ansprechen.

Einige der Hauptkritikpunkte beziehen sich auf den Aufruf zu einer neuen Interkontinentalen, auf den nationalen, mexikanischen Charakter der Sechsten, und damit auf den Vorschlag (der immer noch nur das ist: ein Vorschlag), den indigenen Kampf mit dem anderer sozialer Sektoren zu verbünden, vor allem dem der Arbeiter auf dem Land und in den Städten. Andere beanstanden die Definition der antikapitalistischen Linken und dass die Sechste sich mit "alten Themen" beschäftigt oder "abgenutzte" Konzepte verwendet. Ein paar andere warnen vor Gefahren: die Verdrängung des indigenen Anliegens durch andere und infolgedessen den Ausschluss der indigenen Völker als Gegenstand der Transformation; der Führungsanspruch und der Zentralismus, der in der Allianzpolitik mit den linken Organisationen entstehen könnte; die Ersetzung der sozialen Führung durch eine politische Führung; dass die Rechte den Zapatismus benutzen könnte, um López Labrador einen Schlag zu versetzen und damit in anderen Worten der politischen Mitte (ich weiß, dass diese Bemerkungen von AMLO als einem Linken sprechen, aber er sagt, er sei Mitte, also werden wir uns an das halten, was er sagt, nicht was sie über ihn sagen). Die Mehrheit dieser Anmerkungen sind wohlbeabsichtigt und versuchen zu helfen, indem sie zurecht vor Hindernissen auf dem Weg warnen oder Meinungen dazu beisteuern, wie die Bewegung, die die Sechste zu erwecken versucht, wachsen könnte.

Zum Thema schneiden und kleben

Ich werde jene auslassen, die beklagen, dass der Rote Alarm nicht mit der Wiedereröffnung der offensiven Kriegsführung durch die EZLN geendet hat. Wir bedauern, dass wir Ihre Erwartungen von Blut, Tod und Zerstörung nicht erfüllt haben. Nein, wirklich, wir entschuldigen uns. Vielleicht zu einer anderen Zeit … Wir werden auch die unehrlichen Kritiken beiseite lassen. So wie jene, die den Text der Sechsten Erklärung so editieren, dass sie am Ende das sagt, was sie wollen, das sie sagt. Das tat Señor Victor M. Toledo in seinem Artikel "Maßloser Zapatismo - nachhaltige Entwicklung, indigener Widerstand und Neoliberalismus", erschienen in der mexikanischen Tageszeitung La Jornada (18. Juli, 2005). Ich denke, man kann die Ziele und Methoden, die in der Sechsten Erklärung postuliert werden, debattieren, ohne unehrlich werden zu müssen. Denn Señor Toledo, unter Anwendung der "Schneiden und kleben" Methode, hat die Sechste zurechteditiert um anzumerken, dass ihr das fehlt … was er herausgeschnitten hat. Toledo schrieb: "Es ist überraschend, dass (die EZLN in der Sechsten Erklärung) beschlossen hat, ihre Kräfte mit Campesinos, Arbeitern, Angestellten, Studenten, Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen, Lesben, Transsexuellen, Priestern, Nonnen und Sozialaktivisten zu vereinen, und kein einziges Mal die tausenden indigenen Gemeinden erwähnt, die sich dem Streben nach nachhaltiger Entwicklung widmen."

Nun, die Teile, die Señor Toledo aus der Sechsten herauseditiert hat, erklärten genau das Gegenteil. Zum Beispiel der Teil, der die Existenz von Widerständen und Alternativen zum Neoliberalismus in Mexiko anerkennt und an erster Stelle ihrer Aufzählung anmerkt: "Und so haben wir erfahren, dass es Indígenas gibt, deren Länder weit weg von Chiapas liegen, und die ihre Autonomie aufbauen und ihre Kultur verteidigen und das Land, die Wälder und das Wasser beschützen." Vielleicht hat Señor Toledo einen detaillierten Bericht über diese indigenen Kämpfe erwartet, aber das ist eine Sache, und es ist etwas sehr anderes und unehrliches zu sagen, sie seien kein einziges Mal erwähnt worden. In der Aufstellung, die Señor Toledo über die Bemühungen jener macht, denen sich die EZLN anzuschließen beschlossen hat, hat er die erste soziale Gruppe herausgeschnitten, auf die sich die Sechste bezieht, wo es wörtlich heißt: "Und dann, je nachdem, was die Vereinbarung der Mehrheit dieser Menschen ist, denen wir zuhören werden, können wir einen gemeinsamen Kampf mit allen führen, mit Indígenas, Arbeitern, Campesinos, etcetera." Darüberhinaus erklärt der erste Punkt der Sechsten sehr präzise: "1. - Wir werden weiterhin für die indigenen Völker Mexikos kämpfen, aber nicht mehr nur für sie und mit ihnen, sondern mit allen Ausgebeuteten und Enteigneten Mexikos, mit ihnen allen und im ganzen Land." Und am Ende der Sechsten heißt es: " Wir laden alle Indígenas, Arbeiter, Campesinos ... etc ein ..." Kurzum, ich hätte gedacht, unter denen, die von unserer Kritik an López Obrador und der PRD irritiert sind, könnte es ernsthaftere und ehrlichere Argumente für die Debatte geben. Vielleicht werden sie eines Tages vorgebracht werden. Wir werden warten, das ist unsere Spezialität.


Zum Thema: Wir wollen euch nicht in diesem Viertel

Es gibt dann auch Kritiken, obwohl etwas versteckter, dass die Sechste Erklärung sich auf einige internationale Themen bezieht, und gegen die Art und Weise, auf die sie diese vorbringt. So kritisieren einige die Tatsache, dass wir zur Blockade Stellung nehmen, die die US Regierung gegen das kubanische Volk betreibt. "Das ist ein sehr altes Thema," sagen sie. Wie alt? So alt wie die Blockade? Oder so alt wie der Widerstand der indigenen Völker Mexikos? Was sind den die "modernen" Themen? Wer kann sich die Welt ehrlich ansehen, und einen Angriff gegen ein Volk mit Schweigen übergehen - "weil es ein altes Thema ist" - das das tut, was alle Völker tun sollten, das heißt, ihre Richtung, ihren Pfad und ihr Schicksal als Nation zu bestimmen ("die nationale Souveränität verteidigen" nennen sie das)? Wer kann die Jahrzehnte des Widerstandes eines gesamten Volkes gegen die Arroganz der US ignorieren? Wer würde, in der Gewissheit etwas tun zu können - wenn auch nur ein bisschen - um diese Bemühung anzuerkennen, dies nicht tun? Wer kann es ignorieren, dass dieses Volk sich nach jeder Naturkatastrophe selbst aufhelfen muss, nicht nur ohne die Unterstützung und Hilfskredite, die anderen Ländern zur Verfügung stehen, sondern auch inmitten einer brutalen und unmenschlichen Belagerung? Wer kann die US-Basis von Guantánamo auf kubanischem Territorium ignorieren, das Folterlabor, zu dem sie gemacht wurde, die Wunde, die sie in der Souveränität eines Volkes darstellt, und sagen "Hör auf, das ist doch ein altes Thema."

Andererseits, scheint es nicht natürlich, dass in einer Bewegung, die hauptsächlich indigen ist, so wie die Zapatisten, das was die Indígenas in Ecuador und Bolivien tun, Sympathie und Bewunderung hervorrufen würde? Dass sie Solidarität mit jenen empfinden, die in Brasilien kein Land haben und kämpfen? Dass sie sich mit den "Piqueteros" von Argentinien identifizieren und die Mütter der Plaza de Mayo begrüßen? Dass sie Vertrautes in den Erfahrungen und der Organisation der Mapuche von Chile und der Indígenas aus Kolumbien entdecken? Dass sie vor dem Offensichtlichen in Venezuela warnen, nämlich, dass die US-Regierung alles mögliche unternimmt, um die Souveränität dieses Landes zu verletzen? Dass sie den großen Mobilisierungen in Uruguay gegen die Auferlegung der "makrowirtschaftlichen Stabilität" mit Enthusiasmus applaudieren?

Die Sechste Erklärung richtet sich nicht an die Institutionen von oben, gute oder schlechte. Die Sechste blickt nach unten. Und sie sieht eine Realität, die geteilt wird, mindestens seit den spanischen und portugiesischen Eroberungen der Länder, die nun den Namen "Lateinamerika" teilen. Vielleicht ist dieses Gefühl, der "patria grande" anzugehören, die Lateinamerika in ihrer Gesamtheit ist, alt, und es ist "modern", seinen Blick und seine Erwartungen dem "rastlosen und brutalen Norden" zuzuwenden. Vielleicht, aber wenn es etwas gibt, das in dieser Ecke Mexikos, Amerikas und der Welt "alt" ist, dann ist es der Widerstand der Indigenen Völker

Zum Thema: Wir wollen euch nicht in dieser Straße

Dann gibt es auch (ich werde einige davon hervorheben und zusammenfassen) Kritiken dagegen, dass wir versuchten, unseren Diskurs und unseren Kampf zu "nationalisieren und sogar zu internationalisieren". Die Sechste, so erklären sie uns, falle unter diese Art von Unsinn. Deshalb empfehlen sie, dass die EZLN in Chiapas bleiben solle, dass sie die Räte der Guten Regierung festigen und sich auf die wasserdichte Abteilung beschränken sollte, die ihr zusteht. Sobald dieses Projekt konsolidiert sei und wir demonstriert hätten, dass es möglich sei, "eine alternative Modernität zum Neoliberalismus auf seinem eigenen Land in die Praxis umzusetzen", wir danach in das nationale, internationale und intergalaktische Arena einziehen könnten. Angesichts solcher Argumente präsentieren wir unsere Realität. Wir versuchen nicht, mit irgendjemandem darin zu konkurrieren, wer anti-neoliberaler ist oder wer mehr Fortschritte im Widerstand erreicht hat, aber, mit Bescheidenheit, unser Level und unsere Beiträge sind in den Räten der Guten Regierung. Sie können kommen, mit den Autoritäten oder den Menschen sprechen, die Briefe und Kommuniques ignorieren, in denen wir diesen Prozess erklärt haben, und aus erster Hand erforschen, was hier geschieht, die Probleme, denen man gegenübersteht, und wie sie gelöst werden. Ich weiß nicht, vor wem wir demonstrieren müssen, dass all dies bedeutet, "eine alternative Modernität zum Neoliberalismus auf seinem eigenen Land in die Praxis umzusetzen", und wer uns "con palomita o tache" charakterisieren soll, um uns dann, ja, uns zu erlauben herauszukommen und zu versuchen, unseren Kampf mit dem anderer Sektoren zu verbünden.

Ausserdem hatten wir bereits vorausgeahnt, dass diese Kritiken ein Lob wären ... wenn die Sechste dem politischen Zentrum, das von López Obrador repräsentiert wird, ihre bedingungslose Unterstützung zugesichert hätte. Und wenn wir gesagt hätten, dass "wir herauskommen, um uns mit den Bürgernetzwerk für AMLOs Unterstützung zu verbünden," dann würde Enthusiasmus herrschen, "ja", "natürlich, ihr müsst herauskommen, ihr dürft nicht ausgeschlossen bleiben, es ist Zeit für den Zapatismus, sein Versteck zu verlassen und seine Erfahrungen mit den Anhängermassen des Erwarteten zu verbünden." Hmm ... López Obrador. Er hat den Bürgernetzwerken gerade sein "Alternatives Nationalprojekt" vorgestellt. Wir sind misstrauisch und sehen nichts weiter als plastische Kosmetik (die je nach Publikum wechselt) und eine Liste leichtvergesslicher Versprechen. Vielleicht kann jemand AMLO erklären, dass er nicht "die Erfüllung der San Andrés Verträge" erfüllen kann, denn dazu müsste unter anderem die Verfassung geändert werden, und das, wenn meine Erinnerung mich nicht in Stich lässt, ist die Arbeit des Kongresses. Jedenfalls sollte dieses Versprechen nicht von einer politischen Partei gemacht werden, die erklärt, dass ihre Kandidaten alles erfüllen werden, wenn sie gewählt werden. Andernfalls müsste es einen Vorschlag geben, dass die Bundesexekutive die anderen Gewalten beherrschen oder ignorieren sollte. Oder eine Diktatur. Aber darum geht es ja nicht. Oder doch?

In der Politik von oben versuchen die Parteien vor der Wahl, so viele Menschen wie möglich für sich zu gewinnen. Aber um einige zu gewinnen, werden andere verloren. Also beschließen sie, die vielen für sich zu gewinnen und die wenigeren zu streichen. AMLO hat die "Bürgernetzwerke" als Parallelstruktur zur PRD geschaffen und sein Ziel ist es, jene an sich zu ziehen, die keine Mitglieder der PRD sind. AMLO hat für diese Bürgernetzwerke sechs Personen präsentiert, die all diese nicht-PRD Lopezobradoristas auf nationaler Ebene koordinieren werden. Sehen wir uns zwei dieser "nationalen Koordinatoren" näher an.

Socorro Díaz Palacios, Minister für Zivilschutz in der Carlos Salinas de Gortari Regierung. Am 3. Januar, 1994, während die Bundessoldaten das Massaker auf dem Marktplatz von Ocosingo anrichteten, erklärte er (ich zitiere das Pressebulletin des Regierungsministeriums): "Die gewalttätigen Gruppen, die im Bundesstaat von Chiapas agieren, weisen eine Mischung sowohl nationaler als auch ausländischer Interessen und Personen auf. Sie demonstrieren Affinitäten mit andern gewalttätigen Fraktionen, die in zentralamerikanischen Länder operieren. Einige Indígenas sind von den Anführern dieser Gruppen rekrutiert und unter Druck gesetzt worden, und werden somit zweifellos manipuliert hinsichtlich ihrer geschichtlichen Ansprüche, mit denen man sich weiterhin befassen sollte." Und weiter heißt es: "Die Mexikanische Armee ihrerseits wird weiterhin mit großem Respekt vor den Rechten von Einzelpersonen und Völkern handeln, während sie der Forderung nach Ordnung und Sicherheit eine klare und bestimmte Antwort erteilen werden ... bla, bla, bla." In den folgenden Tagen bombardierte die Luftwaffe die indigenen Gemeinden südlich von San Cristóbal de Las Casas, und die Bundesarmee verhaftete, folterte und ermordete drei Indígenas in der Gemeinde von Morelia, damals noch im Bezirk Altamirano, Chiapas, Mexiko.

Ricardo Monreal Ávila - Im Jänner 1998, nur wenige Tage nach dem Massaker in Acteal, kommentierte der damalige PRI-Abgeordnete und Mitglied der Ständigen Kommission des Bundeskongresses, dass "die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) eine paramilitärische Gruppe sei, die für die Ermordung von 45 Tzotzil-Indígenas am 22. Dezember 1997, in Chenalhó, Chiapas, verantwortlich sei. 'Denn alle, die wie eine Armee handeln ohne eine zu sein und sich selbst als Zivilisten bewaffnen, sind paramilitärisch. Sie müssen sich alle entwaffnen, denn sie alle haben zu dieser unnötigen, ungerechten und dummen Gewalt beigetragen, die alle Mexikaner in Trauer versetzt hat,' erklärte er" (lt. Tageszeitung "El Informador", 3. Januar, 1998). Einige Tage später, nach seinem Wechsel zur PRD, weil die PRI ihm die Kandidatur zum Gouverneur von Zacatecas nicht überantwortet hatte, erklärte er noch (ich zitiere die Anmerkung von Ciro Pérez und Andrea Becerril in La Jornada vom 7. Januar 1998), die Chenalhó-Episode (gemeint ist das Acteal Massaker) sei tatsächlich geplant worden, "aber nicht von jenen, die der weiße Anführer der dunkelhäutigen Indígenas beschuldigt." Er brachte vor, die Position der EZLN zum Massaker sei davon bestimmt "eine präventive Rechtfertigung für Marcos zu sichern, und für die Interessen, die er schützt", und warnte zum Schluss davor, dass die EZ ausländischen Interessen diene, die versuchten "die Kontrolle über den Isthmus der Tehuantepec-Region, seine Ressourcen und seine strategische Lage zu ergreifen, ein Ziel, dem Marcos und die Armeen, die unter der indigenen Flagge kämpfen, dienen". Hmm ... das klingt wie, wie ... ja, Punkt 28 auf AMLOs Programm, wo es wörtlich heißt: "Wir werden den Pazifischen Ozean mit dem Atlantischen verbinden, am Isthmus von Tehuantepec, durch den Bau zweier Handelshäfen, einer in Salina Cruz, Oaxaca, und der andere in Coatzacoalcos, Veracruz, sowie durch Eisenbahnlinien für Transportzüge und die Erweiterung der bestehenden Autobahn."
López Obrador hat sich mit diesen Personen selbst definiert. Er hat einige hinzugefügt und damit andere gestrichen - unter anderem die "Neozapatistas."

Andererseits jedoch, wieso steht in diesem Programm nichts über die politischen Gefangenen und die Verschwundenen des Schmutzigen Krieges der 70er und 80er Jahre? Oder über die Bestrafung ehemaliger Beamter, die sich selbst unrechtmäßig bereichert haben. Oder über Gerechtigkeit im Fall der Massaker von Acteal, El Bosque, Aguas Blancas, El Charco. Was die Gerechtigkeit angeht, so befürchte ich, dass López Obrador anbietet, "reinen Tisch zu machen und von vorne zu beginnen," was paradoxerweise nichts Neues ist. Bevor wir uns wieder den Kritiken zuwenden, die sich gegen die Erklärungen der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald zur Lage in Mexiko, Lateinamerika und der Welt richten, erlauben Sie mir Ihnen etwas zu sagen:

Wir werden herauskommen

Wir werden herauskommen. Wie werden herauskommen, und an diese Idee sollten sie sich besser gewöhnen. Wir werden herauskommen, und ich glaube, es gibt nur vier Wege, uns aufzuhalten.

Der eine wäre ein präventiver Angriff, wie es so angesagt ist, in dieser neoliberalen Zeit. Die vorhersehbaren Schritte sind: Beschuldigung von Verbindungen zum Drogenhandel oder zum organisierten Verbrechen im allgemeinen; Berufung auf den Rechtsstaat und ähnlicher Unsinn; eine intensive Medienkampagne; ein doppelter Angriff (gegen die Gemeinden und gegen die Generalkommandantur); Schadensbegrenzung (das heißt, Verteilen von Geld, Konzessionen und Privilegien unter den "Vorsprechern der öffentlichen Meinung"); die Autoritäten rufen auf, die Ruhe zu bewahren, die Politiker erklären, das Wichtigste sei es, dass die Wahlen in Frieden und sozialer Beschaulichkeit stattfinden können; nach einer kurzen Unterbrechung nehmen die Kandidaten ihre Kampagnen wieder auf.

Ein anderer wäre, uns gefangenzunehmen sobald wir herauskommen, oder im Verlauf der "anderen Kampagne". Die Schritte? Geheime Treffen unter den Anführer der PRI, PAN und PRD, um Einigungen zu erzielen (wie 2001 mit der indigenen Gegenreform); die COCOPA erklärt, der Dialog sei abgebrochen; der Kongress stimmt dafür, das Gesetz für Dialog abzuschaffen; die PGR aktiviert die Haftbefehle; eine AFI Kommandoeinheit, mit Unterstützung der Bundesarmee, nimmt die zapatistischen Delegierten gefangen; gleichzeitig nimmt die Bundesarmee die indigenen Gemeinden in Rebellion ein, "um Unordnung vorzubeugen und den Frieden und die nationale Stabilität zu bewahren"; Schadensbegrenzung, etcetera.

Ein weiterer wäre, uns zu töten. Schritte: ein gekaufter Mörder wird beauftragt; eine Provokation inszeniert; das Verbrechen wird verübt; die Autoritäten bedauern den Zwischenfall und versprechen "eine vollständige Ermittlung, ungeachtet des Ergebnisses ..."
Eine andere Alternative: "ein bedauerlicher Unfall führte zum Tod der zapatistischen Delegation, die sich auf dem Weg nach bla, bla, bla". In beiden Fällen: Schadensbegrenzung, etcetera..

Ein anderer wäre, uns verschwinden zu lassen. Ich meine ein gewaltsames Verschwinden, so wie es gegen hunderte politische Gegener der PRI-"Stabilitätsperiode" angewendet wurde. Das könnte so laufen: Die zapatistischen Delegierten tauchen nicht auf; das letzte Mal, das sie gesichtet wurden, war bla, bla, bla; die Autoritäten versprechen eine Untersuchung; die Hypothese eines Verbrechens aus Leidenschaft wird aufgestellt; die Autoritäten erklären, sie untersuchten alle Spuren und würden nicht die Möglichkeit ausschließen, dass die zapatistische Delegation die Gelegenheit ergriffen habe, sich mit einer unbestimmten Menge bitteren Pozols in ein Steuerparadies abzusetzen; INTERPOL ermittelt auf den Kaimaninseln; Schadensbegrenzung, etcetera.

Dies sind die anfänglichen Probleme, auf die die Sechste stoßen könnte. Wir haben uns viele Jahre lang darauf vorbereitet, diesen Möglichkeiten zu begegnen. Deshalb wurde der Rote Alarm für die aufständischen Truppen auch nicht aufgehoben, nur für die Dörfer. Und deshalb erklärte eins der Kommuniques auch, die EZLN könnte durch Gefängnis, Tod oder gewaltsames Verschwinden, einen Teil oder die gesamte öffentlich bekannte Führung verlieren und dennoch weiterkämpfen.

Ich sprach zu Ihnen über die Kritiken an den Anmerkungen der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald über Mexiko, Lateinamerika und die Welt. Gut denn, angesichts dessen, erlauben Sie mir einige Fragen zu stellen:


Zum Thema: Ihr paßt nicht in diese Welt

Was passiert zum Beispiel, wenn vor mehr als einem Jahrzehnt, ein Mädchen (sagen wir von etwa vier oder sechs Jahren), indigen und mexikanisch, sieht wie sein Vater, seine Brüder, seine Onkeln, seine Vettern oder seine Nachbarn, eine Waffe, ein Behälter Pozol und ein paar Tostadas schultern und "in den Krieg ziehen"? Was passiert, wenn einige von ihnen nicht zurückkehren?

¿Was passiert, wenn dieses Mädchen aufwächst und anstatt Feuerholz zu schleppen in die Schule geht und anhand der Geschichte des Kampfes ihres Volkes lernt wie man liest und schreibt?

Was passiert, wenn dieses Mädchen zur Jugendlichen herangewachsen ist, nach 12 Jahre des Sehens, Hörens und Sprechens mit Mexikaner, Basken, Nordamerikaner, Italiener, Spanier, Katalanen, Franzosen, Holländer, Deutsche, Schweizer, Briten, Finnländer, Dänen, Schweden, Griechen, Russen, Japaner, Australier, Philippiner, Koreaner, Argentinier, Chilenen, Kanadier, Venezolaner, Kolumbianer, Ecuadorianer, Guatemalteken, Puertoricaner, Dominikaner, Uruguayer, Brasilianer, Kubaner, Haitianer, Nikaraguaner, Honduraner, Bolivianer, und etceteras, und ihre Länder, ihre Kämpfe und ihre Welten kennt?

Was passiert wenn sie sieht, wie diese Männer und Frauen mit ihrer Gemeinde die Entbehrungen, Arbeiten, Leid und Freude teilt?

Was passiert mit diesem Mädchen-dann-Teenager-dann-Jugendliche, nachdem sie 12 Jahre lang den "Zivilgesellschaftler" gesehen und ihnen zugehört hat, die nicht nur Projekte brachten, sondern auch Geschichten und Erfahrungen aus verschiedenen Teilen Mexikos und der Welt? Was passiert wenn sie die Elektriker sieht und hört, die mit Italiener und Mexikaner an der Installation einer Turbine arbeiten, um eine Gemeinde mit Licht auszustatten? Was passiert wenn sie junge Universitätsstudenten trifft, die sich im Streik von 1999-2000 befinden ? Was passiert wenn sie herausfindet, daß es auf der Welt nicht nur Männer und Frauen gibt, sondern daß die Anziehung und die Liebe viele Wege und Arten kennt? Was passiert, wenn sie junge Studenten im Sitzstreik von Amador Hernández sieht? Was passiert, wenn sie zuhört was die Campesinos aus anderen teilen Mexikos zu erzählen haben? Was passiert, wenn sie von Acteal erzählen, und von den Vertriebenen im Hochland von Chiapas? Was passiert wenn sie die Vereinbarungen und die Fortschritte der Völker und Organisationen des Nationalen Indigenen Kongresses kennenlernt? Was passiert, wenn sie herausfindet, daß die politischen Parteien den Tod ihrer Leute ignorieren, und beschließen, die Verträge von San Andrés nicht anzuerkennen? Was passiert, wenn man ihr erzählt, daß die Paramilitärs der PRD einen friedlichen zapatistischen Marsch angegriffen haben, das versuchte anderen Indígenas Wasser zu bringen, und mehrere Compañeros angeschossen haben, und zwar genau am 10. April? Was passiert wenn sie sieht, wie Bundessoldaten jeden Tag mit ihren Kriegstanks, ihren Artilleriefahrzeugen vorbeifahren, deren Gewehrmündungen auf ihr Haus zielen? Was passiert wenn sie zu hören kriegt, daß an einem Ort namens Ciudad Juárez, junge Mädchen wie sie entführt, vergewaltigt und ermordet werden, und die Autoritäten nicht für Gerechtigkeit sorgen?

Was passiert, wenn sie zuhört, wie ihre Brüder und Schwestern, ihr Vater, ihre Verwandten davon erzählen, wie sie am Marsch der 1111 in 1997 teilgenommen haben, an der Consulta der 5000 in 1999, wenn sie darüber reden, was sie gesehen und gehört haben, von den Familien, die sie aufgenommen haben, darüber wie die Stadtbewohner leben, darüber, das auch sie kämpfen, daß auch sie sich nicht ergeben?

Was passiert wenn sie zum Beispiel, Eduardo Galeano, Pablo González Casanova, Adolfo Gilly, Alain Touraine, und Neil Harvey sieht, die mit Schlamm bis zu den Knien zusammen in einer Champa in La Realidad beieinandersitzen, und sich über den Neoliberalismus unterhalten? Was passiert, wenn sie Daniel Viglietti in eine Gemeinde "A desalambrar?" singen hört? Was passiert, wenn sie das Theaterstück "Zorro el zapato" sieht, das französische Kindern aus Tameratong auf zapatistischem Gebiet aufgeführt haben? Was passiert, wenn sie José Saramago sehen und sprechen, zu ihr sprechen hört? Was passiert, wenn sie Oscar Chávez auf Tzotzil singen hört? Was passiert, wenn sie einem Mapuche Indígena zuhört, der über seine Erfahrungen im Kampf und Widerstand, in einem Land namens Chile erzählt? Was passiert, wenn sie bei einem Treffen jemanden trifft, der sich "Piquetero" nennt, und davon erzählt, wie man sich in seinem Land, das Argentinien heißt, organisiert und Widerstand leistet? Was passiert, wenn sie einem Indígena aus Kolumbien zuhört, der erzählt wie seine Compañeros, inmitten der Guerilla, den Paramilitärs, den Soldaten und den nordamerikanischen militärischen Beratern, versuchen sich als die Indígenas zu errichten, die sie sind? Was passiert, wenn sie die "Städter Musiqueros" hört, die diese sehr andere Musik namens "Rock" in ein Vertriebenenlager spielen? Was passiert, wenn sie weiß, daß eine italienische Fußballmannschaft namens Inter Mailand, die Verwundeten und Vertriebenen von Zinacantán finanziell unterstützen? Was passiert wenn sie eine Gruppe von nordamerikanischen, deutschen und britischen Männer und Frauen mit elektronischen Geräten ankommen sieht, und ihnen zuhört, wenn sie darüber erzählen, was sie in ihren Ländern tun, um mit den Ungerechtigkeiten fertigzuwerden, während sie ihr gleichzeitig beibringen, wie man diese Geräte einsetzt und bedient, und kurz darauf sitzt sie schon vor dem Mikrofon und sagt "Sie hören Radio Insurgente, die Stimme der Stimmlosen, wir senden aus den Bergen des mexikanischen Südostens, und beginnen wollen wir mit einer schönen Cumbia mit dem Titel "La suegra". Sie ist den Gesundheitspromotoren gewidmet, die gerade das Caracol besucht haben um den Impfstoff zu holen"? Was passiert, wenn sie in der Junta der guten Regierung hört, daß dieser Katalaner von ganz weit herkommt, um persönlich zu überbringen, was ein Solidaritätskomitee gesammelt hat um den Widerstand zu unterstützen? Was passiert, wenn sie sieht, wie ein Nordamerikaner mit dem Kaffee, dem Honig und den Kunsterzeugnissen, die in den zapatistischen Kooperativen produziert werden geht, (und mit den Einkünften aus deren Verkauf zurückkommt), und man sieht, daß er keine besondere Aufmerksamkeit fordert, obwohl er das schon jahrelang gemacht hat, ohne daß es jemand, und wir schon gar nicht, bemerkt hätten? Was passiert, wenn sie die Griechen sieht, die das Geld für die Schulsachen bringen, und dann gemeinsam mit den zapatistischen Indígenas an der Errichtung der Schule arbeiten. Was passiert, wenn sie sieht wie eine Frentista im Caracol ankommt, und ein Lastwagen voller Medikamente, medizinische Geräte, Krankenbetten und sogar Uniforme und Schuhe für die Gesundheitspromotoren bringt, während andere Jugendliche von der FZLN sich verteilen um in den Gemeindekliniken auszuhelfen? Was passiert, wenn sie sieht, wie die Leute von "Eine Schule für Chiapas" ankommen, gehen, und praktisch eine Schule zurücklassen, mit Schulbus, Stifte, Hefte und Schreibtafeln? Was passiert wenn sie sieht, wie an der Sprachschule in Oventik (die unter heldenhaften Anstrengungen von einem Compañero "Städter" in Funktion gehalten wird), Hindus, Koreaner, Japaner, Australier, Slowenen und Iraner ankommen? Was passiert, wenn eine Person kommt, die der Aufsichtskommission ein Buch mit Übersetzungen der EZLN Kommuniques auf Arabisch, Japanisch oder Kurdisch überreicht, zusammen mit den Einnahmen aus dessen Verkauf?

Was passiert zum Beispiel, wenn ein Mädchen im zapatistischen Widerstand aufwächst und zur Jugendlichen heranreift, 12 Jahre lang in den Bergen des mexikanischen Südostens?

Ich frage Sie das weil, zum Beispiel, hier im Hauptquartier der EZLN, während des Roten Alarms zwei Insurgentas Posten stehen. Die zwei sind, wie die Compas das sagen, "100% indigen und 100% Mexikanerinnen". Eine von ihnen ist 18 Jahre alt, die andere 16. Das heißt, in 1994 war die eine sechs Jahre alt, und die andere vier. In unseren Stellungen in den Bergen, gibt es Dutzende wie sie, Hunderte in den Milizen, Tausende bei den organisatorischen und Gemeindeaufgaben, Zehntausende in den zapatistischen Dörfer. Der unmittelbare Vorgesetzte der zwei Wachen, ist ein aufständischer indigener Leutnant von 22 Jahren, das heißt er war 10 Jahre alt in 1994. Er steht unter dem Kommando eines aufständischen Hauptmanns, ebenfalls indigen, der - wie es sich gehört - große Liebe für die Literatur hegt, und 24 Jahre alt ist, das heißt, er war 12 Jahre alt als der Aufstand begann. Und überall auf diesem Land gibt es Männer und Frauen, die im zapatistischen Widerstand von Kindheit zu Jugend, und von Jugend zum Erwachsenenalter heranreiften.

Und deshalb frage ich Sie : Was soll ich ihnen sagen? daß die Welt groß ist und weit weg? daß nur wichtig ist was uns passiert? Das alles, was in anderen Teilen Mexikos, Lateinamerikas und der Welt vorgeht uns nicht interessiert, daß wir uns weder im Nationalen noch im Internationalen einmischen sollten, und daß wir uns einschließen (und uns selbst etwas vormachen) müßten, und glauben, daß wir alleine das erreichen können, wofür ihre Verwandte gestorben sind? Das wir alle Zeichen ignorieren sollen, die uns sagen, daß wir nur indem wir das tun was wir tun überleben können? Das wir denen Zuhören und Wort verweigern sollen, die uns weder das eine noch das andere vorenthalten haben? Das wir die gleichen Politiker respektieren und unterstützen sollten, die uns eine würdige Lösung dieses Krieges verweigern? Das wir, bevor wir von hier aufbrechen, erst mal vor einer Jury bestehen müßten um zu sehen, ob das was wir hier in 12 Jahren des Krieges aufgebaut haben verdienstvoll genug ist?

In der Sechsten Erklärung haben wir gesagt, daß neue Generationen in den Kampf eingetreten sind. Und sie sind nicht nur neu, sondern sie haben auch andere Erfahrungen, andere Geschichten. Wir haben es Ihnen nicht in der Sechsten Erklärung gesagt, aber ich sage es Ihnen jetzt: sie sind besser als wir, die die EZLN gegründet und den Aufstand begonnen haben. Sie sehen weiter, sie schreiten fester, sie sind offener, besser vorbereitet, intelligenter, entschlossener, bewußter.

Was die Sechste darlegt ist kein "importiertes" Produkt, ausgearbeitet von einer Gruppe Gelehrter in einem sterilen Labor, und dann in einer sozialen Gruppe implantiert. Die Sechste kommt von dem wer wir sind und wo wir jetzt stehen. Deshalb sind auch die vorangegangenen Teile erschienen, weil man das was wir vorschlagen nicht verstehen kann, ohne unsere Erfahrung und Organisation zu verstehen, das heißt unsere Geschichte. Und wenn ich sage "unsere Geschichte", spreche ich nicht nur von der Geschichte der EZLN, sondern auch die all der Männer und Frauen aus Mexiko, Lateinamerika und der Welt, die mit uns gestanden haben . . . auch wenn wir sie nicht gesehen haben, und die in ihren Welten, ihren Kämpfen, ihren Erfahrungen und ihren Geschichten stehen.

Der zapatistische Kampf ist eine kleine Hütte, ein weiteres Häuschen, vielleicht das bescheidenste und einfachste unter denen, die gebaut werden, unter gleich großen oder noch größere Mühsal und Anstrengungen, in dieser Straße namens "Mexiko". Wir, die dieses kleine Haus bewohnen, identifizieren uns mit der Bande, die das ganze untere Viertel bewohnt, das "Lateinamerika" heißt, und hoffen etwas dazu beitragen zu können, diese große Stadt namens "Welt" bewohnbar zu machen. Wenn das etwas schlechtes ist, dann schieben Sie das auf all die Männer und Frauen, die in ihren Häusern, Vierteln und Städte kämpfen - das heißt, in ihre Welten - mit uns einen Platz genommen haben. Nicht über, nicht unter, sondern mit uns.


Ein Pinguin im Lakandonischen Urwald

Na gut, versprochen ist versprochen. Am Anfang dieses Textes sagte ich, daß ich Ihnen etwas über den Pinguin erzählen würde, der hier in den Bergen des mexikanischen Südostens lebt, also hier ist es.

Dies geschah in eins der aufständischen Quartiere, vor etwas mehr als einem Monat, kurz vor dem Roten Alarm. Ich war auf dem Weg zu der Stellung, die das Hauptquartier der EZLN Generalkommandantur werden sollte. Dort sollte ich die Insurgenten und Insurgentinnen abholen, die während des Roten Alarms zu meiner Einheit gehören sollten. Der Befehlshaber der Quartiere, ein Aufständischer Oberstleutnant, beendete gerade den Abbau des Lagers und traf Vorbereitungen um die Immobilien zu bewegen. Um die Last der Unterstützungsbasen zu erleichtern, die die aufständischen Truppen mit Vorräte versorgten, hatten die Soldaten ein paar eigene Versorgungsmaßnahmen entwickelt: ein Gemüsegarten und eine Farm. Sie beschlossen so viel von dem Gemüse mitzunehmen wie sie konnten, und den Rest dem lieben Gott zu überlassen. Was die Hühnchen, Hühner und Hähne anging, hatte man die Alternative sie zu essen oder zurückzulassen. "Besser wir essen sie als die Bundessoldaten", beschlossen nicht ohne Grund die Männer und Frauen (die meisten von ihnen junge Menschen unter 20), die diese Stellung hielten. Eins nach dem anderen landeten die Hühner im Kochtopf, und von dort in den Suppenschüsseln der Soldaten. Es waren nicht gerade viele Hühner, also hatte sich die Anzahl der Geflügel in wenigen Tagen auf zwei bis drei Exemplare reduziert.

Als nur noch eins übrig war, genau am Tag des Abmarsches, passierte was passierte . . .

Das letzte Huhn fing an aufrecht zu gehen, vielleicht um als einer von uns durchzugehen und mit dieser Haltung unbemerkt davonzukommen. Ich kenne mich nicht gut mit Zoologie aus, aber der anatomische Aufbau von Hühner scheint nicht dazu geschaffen zu sein aufrecht zu gehen, und so, mit dem Schwanken aufgrund der Anstrengung sich selbst aufrecht zu halten, wackelte das Huhn vor und zurück, ohne einen genauen Kurs halten zu können. Da sagte jemand "es sieht aus wie ein Pinguin". Der Vorfall provozierte Lachen, das seinerseits Sympathie hervorrief. Das Huhn sah wirklich wie ein Pinguin aus, es fehlte ihm nur noch der weiße Brustlatz. Letztendlich bewahrten die Witze den "Pinguin" davor, das Schicksal seiner Compañeros auf der Farm zu teilen.

Die Stunde des Aufbruches kam an, und während sie nachprüften um sicherzugehen, daß nichts zurückgelassen wurde, fiel ihnen auf, daß der "Pinguin" immer noch da war, und hin und her wackelte ohne zu seiner natürlichen Haltung zurückzukehren. "Nehmen wir ihn mit," sagte ich, und alle sahen mich an um zu sehen ob ich Witze machte oder es ernst meinte. Schließlich bot Insurgenta Toñita an ihn zu tragen. Es fing an zu regnen und sie nahm ihn auf dem Arm unter der schweren Plastikplane, die Toñita trug um ihre Waffe und ihren Rucksack vor dem Regen zu schützen. Wir begannen den Marsch durch den Regen.

Der Pinguin erreichte das EZLN Hauptquartier und paßte sich den Routinen des aufständischen Roten Alarms schnell an. Es schloß sich oft (ohne jemals die Pinguinhaltung aufzugeben) den Insurgenten und Insurgentas bei der Stunde für politische Studien an. Das Thema in diesen Tagen waren die 13 zapatistische Forderungen und die Compañeros faßten es zusammen unter dem Titel "Wofür wir kämpfen". Nun, Sie werden es nicht glauben, aber als ich das Treffen besuchte, unter dem Vorwand mir heißen Kaffee holen zu wollen, sah ich daß der Pinguin am aufmerksamsten von allen zuhörte. Und hin wieder pickte es auch nach jemanden, der während des politischen Gesprächs eingeschlafen war, als ob es ihn ermahnen würde aufzupassen.

Es gibt keine andere Tiere in den Quartieren . . . ich meine, außer den Schlangen, Taranteln, den zwei Feldratten, den Grillen, Ameisen, und einer unbestimmten (aber sehr großen) Anzahl von Moskitos, sowie ein kleiner Kojote, der kam um zu singen, wahrscheinlich, weil er sich von der Musik angezogen fühlte - Cumbias, Rancheras, Corridos, Lieder von Liebe und Verachtung - die aus dem kleinen Radio kommen, mit dem wir die Morgennachrichten von Pascal Beltrán auf Antena Radio hören und danach "Plaza Pública" von Miguel Ángel Granados Chapa auf Radio UNAM.

Gut, wie ich Ihnen sagte, gab es keine andere Tiere, und so schien es normal, daß "Pinguin" glaubte wir seien seine Artgenossen und dazu neigte sich zu benehmen, als ob er zu uns gehören würde. Wir hatten nicht begriffen wie weit das schon fortgeschritten war, bis eines Nachmittags, als er sich weigerte in der Ecke zu essen, die man ihm zugeteilt hatte, und zum Tisch hinüberlief. Pinguin machte einen Heidenlärm, mehr nach Hühner- als nach Pinguinart, bis wir verstanden hatten, daß er mit uns essen wollte. Sie müssen verstehen, daß Pinguins neue Identität den ehemaligen Huhn daran hinderte die Mindeststrecke zu fliegen, die nötig war um auf die Sitzbank zu kommen, also mußte Insurgenta Erika ihn hochheben und ließ ihn dann von ihrem Teller essen.

Der leitende aufständische Hauptmann hatte mir mitgeteilt, daß das Huhn, ich meine der Pinguin, nachts nicht gerne alleine war, vielleicht weil er fürchtete, die Opossums könnten ihn mit einem Huhn verwechseln, und protestiert hatte, bis jemand ihn in sein Zelt holte. Es dauerte nicht lange bis Erike und Toñita ihm eine weiße Brustlatz aus Stoff machten (ursprünglich wollten sie ihn [Pinguin] mit weißer Wandfarbe anstreichen, aber ich konnte sie davon abbringen. . . denke ich), damit kein Zweifel mehr darüber herrschen sollte, daß er ein Pinguin war, und niemand ihn mit einem Huhn verwechseln konnte.

Sie werden wahrscheinlich denken, daß ich oder wir spinnen, aber ich erzähle die Wahrheit. In der Zwischenzeit ist Pinguin Teil der EZLN Generalkommandantur geworden, und vielleicht werden es jene von Ihnen, die zu den Vorbereitungstreffen für die "Andere Kampagne" kommen, ihn ja mit eigenen Augen sehen. Es ist auch damit zu rechnen, daß Pinguin zum Maskottchen der EZLN Fußballmannschaft werden könnte, wenn sie bald gegen Inter antritt. Vielleicht wird dann jemand ein Erinnerungsfoto als Souvenir schießen. Vielleicht wird dann später mal ein Mädchen oder ein Junge auf das Foto sehen und fragen: "Mama, und wer sind die Leute neben dem Pinguin?" (seufz).

Wissen Sie was? Es fällt mir gerade auf, daß wir genau wie Pinguin sind, wir versuchen sehr hart aufrecht zu stehen und uns selbst ein Platz in Mexiko zu schaffen, in Lateinamerika, in der Welt. Genau wie die Reise, die wir bald antreten werden, nicht in unsere Anatomie vorgesehen war, werden wir sicher schwankend vorwärtsgehen, unsicher und ungeschickt, und Lachen und Witze hervorrufen. Aber vielleicht, genau wie Pinguin, werden wir auch etwas Sympathie hervorrufen, und jemand könnte uns großzügigerweise beschützen und helfen, mit uns gehen, um das zu tun, was jeder Mann, Frau oder Pinguin tun sollte, das heißt immer zu versuchen besser zu sein, auf die einzig mögliche Art: nämlich kämpfend.

Vale. Saludo und eine Umarmung von Pinguin (?),

aus den Bergen des mexikanischen Südostens
Subcomandante Insurgente Marcos